GRABUNGEN IN TRANSKAUKASIEN UND AUF DEM BALKAN

ZENTRUM FÜR ARCHÄOLOGIE UND KULTURGESCHICHTE
DES SCHWARZMEERRAUMES

Von François Bertemes und Andreas Furtwängler
(Dieser Beitrag erschien in identischer Form in Scientia Halensis 2/2000, S. 15-16.)

Die Institute für Klassische Archäologie, Orientalische Archäologie und Kunst sowie Prähistorische Archäologie der Martin-Luther-Universität arbeiten gemeinsam am Forschungsschwerpunkt »Circumpontischer Bereich« (Schwarzmeerraum). Untersucht wird dabei in jeweils unterschiedlichem regionalem und zeitlichem Kontext die kulturvermittelnde Rolle des Schwarzen Meeres, wobei die vielschichtigen Einflüsse aus dem anatolisch-ägäischen Bereich nach Norden ebenso wie solche aus dem nord- und ostpontischen Milieu nach Süden und nach Westen im Blickpunkt stehen. Die komplizierten Interaktionen zwischen den Anrainern einerseits und Neuankömmlingen andererseits können nur in ihrer vollen kulturhistorischen Bedeutung verstanden werden, wenn nicht die einzelnen Regionen isoliert, sondern der gesamte Raum berücksichtigt wird.

Durch die Koordination der einzelnen Forschungsinteressen, die Vernetzung der personellen Ressourcen, das Vorhandensein der notwendigen Literatur und die Existenz von persönlichen Kontakten und Kooperationsverträgen mit Universitäten und Forschungsinstitutionen in den Anrainerstaaten avanciert Halle zu einem in Deutschland einmaligen Zentrum für Archäologie und Kulturgeschichte des Schwarzmeerraumes. Der Beitrag stellt streiflichtartig einige der Forschungsschwerpunkte vor.


Grabungen in Transkaukasien

Im ostpontischen Bereich konzentrieren sich die Forschungsvorhaben auf den Transkaukasus.  Gefördert vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Berlin, finden in Zusammenarbeit mit georgischen Wissenschaftlern im Rahmen der »Kachetischen Expedition« seit 1994 jährlich Grabungen und Surveys in Ostgeorgien statt. Die georgisch-deutsche Expedition des Institutes für orientalische Archäologie und Kunst in Zusammenarbeit mit der georgischen Akademie der Wissenschaften hat seit 1991 mehrere bronzezeitliche Kurgane (Grabhügel) nördlich des Dorfes Anaga sowie in der Nähe des Dorfes Ananauri auf dem linken Ufer des Flusses Alasani untersucht. (Professor Dr. Winfried Orthmann) Grabungen des Institutes für Klassische Archäologie in den Fundorten Ciskaraant Gora und Noname Gora belegen, daß bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. eine eigenständige Architektur aus Lehmziegeln verwirklicht wurde mit Häusern aus festem Stampflehmmauerwerk von beachtlichen Ausmaßen. Die neue Technik ermöglichte eine außerordentliche Vielfalt der Grundrisse, die auf die unterschiedlichsten Bedürfnissen der Siedler reagieren konnte.

Die Grabungen zeigen, daß Ostgeorgien, Westaserbaidschan und Nordarmenien in dieser Periode von einer seßhaften, wohletablierten und zumindest kleinräumig gut organisierten, bäuerlichen Kultur geprägt waren.  Diese wurde offensichtlich durch mehrere Angriffswellen von Reiternomaden ausgelöscht.  Die entdeckten Kleinfunde, Untersuchungen der Pollenproben zur Ermittlung absoluter Radiokarbondaten belegen, daß diese Brandschatzungen vom späten 8. bis ins erste Drittel des 7. Jahrhunderts v. Chr. zu datieren sind.  Eine der Hauptursachen dieser nomadischen Übergriffe dürften die durchdringenden klimatischen Veränderungen darstellen, die für diesen Zeitraum belegt sind.  Hauptziele des Forschungsprojektes sind es, die innere Struktur des Kulturraumes abzugrenzen, die Beziehungen zu den Nachbarvölkern, insbesondere der urartäischen Hochkultur zu erfassen und die Folgen der nomadischen Invasion umfassender zu begreifen.

In Gumbati konnte schließlich der erste Lehmziegelgroßbau Georgiens, ein Palast achämenidischer Zeit
(5. Jahrhundert v. Chr.), entdeckt werden.  Der repräsentative Bau erfüllte öffentliche Funktionen und diente zu-
gleich als Privatresidenz eines in achämenidischen Diensten stehenden Lokaldynasten.  Er stellt ein eindrucksvolles Zeugnis achämenidischer Herrschaft in Transkaukasien dar und ermöglicht, völlig neue Erkenntnisse zum Fortleben des iranischen Kultursubstrates im kaukasischen Bereich zu gewinnen.


Kulturtransfer in vorrömischer Zeit

Im westpontischen Raum sind die Forschungsvorhaben weit gestreut.  Eine Monographie, die sich mit der kulturhistorischen Stellung der mittelbronzezeitlichen Kultstelle auf dem Siedlungshügel Merdzumekja in Drama (Bulgarien) in ihrem circumpontischen und ägäischen Kontext beschäftigt, wird am Institut für Prähistorische Archäologie zum Druck vorbereitet. Am gleichen Institut entsteht zur Zeit in Zusammenarbeit mit der Eurasienabteilung des DAI, der Universität des Saarlandes, der bulgarischen Akademie der Wissenschaften und der Türkischen Antikenbehörde ein Projekt zur Siedlungsgeschichte Ostbulgariens und Türkisch-Thrakiens in der Spätbronzezeit. Neben Fragen zur kulturellen Abgrenzung und zur räumlichen Organisation soll dabei auch der Einfluß der mykenischen Kultur auf dieses Gebiet geklärt werden.

Das von der DFG initiierte Schwerpunktprogramm »Formen und Wege der Akkulturation im östlichen Mittelmeerraum und Schwarzmeergebiet in der Antike« setzt sich zum Ziel, die vielfältigen Beziehungen zwischen einheimischen Völkerschaften einerseits sowie Griechen und Römern andererseits unter dem Aspekt des Kulturtransfers und der gegenseitigem kulturellen Beeinflussung aufzuzeigen.

In diesem Rahmen ersteht an der Martin-Luther-Universität eine Monographie über »Die westpontischen Poleis und ihr Hinterland in vorrömischer Zeit« (Professor Dr. Manfred Oppermann).

Untersucht wird das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen den griechischen Kolonien an der bulgarisch-rumänischen Küste und den im Hinterland siedelnden thrakischen Stämmen vom Anfang der Kolonisation im späten 7. Jahrhundert v. Chr. bis zum Beginn der Römerzeit. Da die meisten westpontischen Griechenstädte von Kolonisten aus dem westkleinasiatischen Raum gegründet worden sind, ist auch der aus diesem Bereich kommende Kulturtransfer Bestandteil der Untersuchungen. Berücksichtigt werden alle Bereiche der Überlieferung wie Siedlungsarchäologie, Zeugnisse der bildenden Kunst und der Alltagskultur sowie die durch Inschriftenfunde beträchtlich vermehrte Information über historische Prozesse.

Die seit 1981 in der spätantiken Siedlung Karasura bei Rupkite (Bulgarien) durchgeführten deutsch-bulgarischen Ausgrabungen erbrachten Bemerkenswertes zur Chronologie und inneren Struktur der Siedlungen des Frühmittelalters im Ostteil der Balkanhalbinsel. Seit 1994 ist diese Grabung dem Institut für Prähistorische Archäologie angegliedert (Dr. Michael Wendel, vgl. Scientia Halensis 1/1995, S. 12). Karasura war in der Spätantike eine wichtige Kreuzwegfestung und ein bedeutendes frühchristliches Zentrum in der Grenzzone zwischen den großen thrakischen Städten Philippopolis und Beroia. Sehr wahrscheinlich wurden während der Plünderungen Thrakiens durch Slawen und vor allem Awaren in den 80er Jahren des 6. Jahrhunderts die Festungsmauern teilweise geschleift und viele Gebäude, darunter auch beide Basiliken, zerstört. Eine neue Bevölkerung ließ sich in den Ruinen nieder.