SCHRIFTEN
DES ZENTRUMS FÜR
ARCHÄOLOGIE UND KULTURGESCHICHTE
DES SCHWARZMEERRAUMES
Herausgegeben von
FRANÇOIS BERTEMES UND ANDREAS FURTWÄNGLER
Band 12
Faltkapitelle: Untersuchungen zur Bauskulptur Konstantinopels,
mit einem Anhang zur Polyuktoskirche in Istanbul
von
Richard Brüx
Das spätantike Faltkapitell ist zuerst,
vielleicht noch in vorjustinianischer Zeit für ein unbekanntes profanes oder
sakrales Bauwerk Konstantinopels entworfen worden, dessen Architektur die eigenwillig
anmutende Gestalt dieser Neuerung begründet haben könnte: In dem ersten erhaltenen
Bauwerk Kaiser Justinians I. (reg. 527-565), der Sergios- und Bakchoskirche,
findet es seine frühesten datierten und in ihrer Einzigartigkeit berühmtesten
Belege. Faltkapitelle und andere aus einer standardisierten Produktion herausragende
Erzeugnisse konstantinopler Steinmetzwerkstätten fanden zudem als prunkende
und an hauptstädtische Modernität anschließende Ausstattungsstücke von Bauten
im gesamten Mittel- und Schwarzmeerraum eine vergleichsweise weite geographische,
quantitativ weniger überraschende wie eher kurzfristige Verbreitung. In ihrem
Habitus sind sie vor allem in Ägypten, dann wohl erst wieder in byzantinischer
Zeit nachgeahmt worden und waren auch im mittelalterlichen Westen offenbar nicht
unbekannt. Ornamentgeschichtlich blieb das Faltkapitell neben anderen Kapitelltypen
eine Episode, während sich das blockhaftere und in dekorativer Hinsicht ungebundenere
Kämpferkapitell durchsetzte.
Faltkapitelle werden hier zum Gegenstand einer Studie gemacht, die aus einer
insbesondere in der deutschsprachigen Forschung fest eingewurzelten entwicklungsgeschichtlichen,
normativ arbeitenden Betrachtungsweise der „künstlerischen“ Überlieferung heraus
einen Neuansatz begründet, der sich für das historische Subjekt interessiert,
Bauskulpturen als handwerkliche Produkte und als Bestandteil von Bauentwürfen
auffasst. Vorbilder des Faltkapitells und des an ihm vorherrschenden Dekors
aus beblätterten Kreisschlingen lassen sich in der Tradition des antiken Bauornaments
verorten, so dass keine Anregungen seitens eines „fremden Kulturkreises“ angenommen
werden müssen. Diese für die Erörterung von Neuerungen wichtige These, die mit
der Entdeckung der zwischen 524 und 527 errichteten Polyeuktoskirche in Istanbul
neuen Auftrieb erhalten hat, wird in einer früheren Arbeit des Verf. diskutiert,
die der Studie als Anhang beigegeben ist.